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Ein Jahr Blankoverordnung: Autonomie auf dem Prüfstand

12 Monate Blankoverordnung — eine Bilanz zwischen fachlicher Eigenständigkeit und wirtschaftlicher Bestrafung. Was muss sich ändern?

Friederike Rohde

Friederike Rohde

1. November 2025 · 5 Min. Lesezeit

Physiotherapeutin blickt nachdenklich auf Unterlagen in der Praxis

Als vor einem Jahr die Blankoverordnung für Schulterdiagnosen startete, war die Hoffnung groß. Endlich eigenständig über Art, Dauer und Frequenz der Therapie entscheiden — ein Meilenstein für die Professionalisierung der Physiotherapie. Heute, 12 Monate später, mischt sich unter den Stolz eine gehörige Portion Ernüchterung.

Was wir im letzten Jahr gelernt haben: Autonomie im deutschen Gesundheitssystem ist leider nicht gratis. Wer seine fachliche Expertise konsequent im Sinne des Patienten einsetzt, stößt schnell an die Grenzen des 'Ampelsystems'.

Die 9%-Hürde: Wer über die orientierende Behandlungsmenge hinausgeht, wird systematisch mit einem 9%igen Umsatzabzug bestraft. Medizinische Notwendigkeit trifft auf betriebswirtschaftliche Sanktion.

Der Dokumentations-Dschungel: Die gewonnene Freiheit bei der Therapiegestaltung wird durch einen massiven Anstieg des administrativen Aufwands erkauft.

Das Haftungsrisiko: Wir tragen nun die volle Verantwortung für den Heilungserfolg — aber ohne die finanzielle Absicherung, die mit dieser Verantwortung einhergehen müsste.

Die Botschaft, die nach einem Jahr bei Therapeuten ankommt, ist fatal: 'Ihr dürft entscheiden, aber bitte entscheidet euch im Zweifelsfall gegen die beste medizinische Versorgung, um nicht zu Geld zu kosten. Therapeutische Kompetenz braucht substanzielle Rahmenbedingungen — nicht nur symbolische Verantwortung.

Ein Berufsstand, der seit Jahrzehnten um echte Aufwertung kämpft, wird hier in eine moralische Zwickmühle manövriert: Behandle ich den Patienten so lange, wie es fachlich geboten ist, und verzichte auf einen Teil meines Honorars? Oder beende ich die Therapie vorzeitig, um die Praxis wirtschaftlich zu führen?

Die Erfahrung des letzten Jahres zeigt deutlich, dass die aktuelle Form der Blankoverordnung nur ein Zwischenschritt sein kann.

Selektivverträge bieten oft bessere Rahmenbedingungen ohne starre Budgetdeckel und den ständigen Druck der Wirtschaftlichkeitsprüfung.

Arztpraxen und Therapeuten müssen Hand in Hand arbeiten, damit die Versorgungsqualität nicht unter den neuen Abrechnungsmodalitäten leidet.

Die Blankoverordnung ist ein wichtiges Signal für fachliche Eigenständigkeit. Doch solange medizinisch sinnvolle Maßnahmen wirtschaftlich bestraft werden, bleibt die Autonomie eine Mangelverwaltung in Eigenregie. Wir brauchen keine 'Ampel' für Gesundheit, sondern eine faire Vergütung für echte Therapieerfolge.

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Friederike Rohde

Friederike Rohde

Gründerin von Uplevel Network. Über 15 Jahre Erfahrung in der medizinischen Praxis. Expertin für Heilmittel, Digitalisierung und Umsatzsteigerung.